Luise Weiß – selbstloser Einsatz im Schönau-Bunker

Luise Weiß hat am Ende des Zweiten Weltkriegs im Schönau-Bunker sehr viel Zivilcourage bewiesen.

Wer sich mit dem Thema Widerstand gegen den Nationalsozialismus auseinandersetzt, wird unweigerlich mit drei bedeutenden Namen der deutschen Geschichte konfrontiert: Claus Schenk Graf von Stauffenberg sowie den Geschwistern Hans und Sophie Scholl.

Obgleich es keine „einheitlich auftretende und handelnde deutsche Widerstandbewegung“ gegeben hat, lassen sich viele Formen des Widerstands finden, die Belege für moralisches Verhalten in düsteren Zeiten darstellen, auch in Mannheim. Ein Beispiel ist der Einsatz einer selbstlosen Krankenschwester Luise Weiß, die zahlreichen Menschen im Schönau-Bunker das Leben rettete.

Das leider nicht gut erhaltene Foto zeigt Luise Weiß mit ihrem Mann mit ihrem Mann Karl und den beiden Kindern Margot und Marianne. Foto: Bunkermuseum Schönau

Ende März 1945, es sind die letzten Stunden des Zweiten Weltkriegs in Mannheim. Von Norden nähern sich die US-amerikanischen Streitkräfte der Quadratestadt, während die noch zurückgebliebenen Bürger in den Luftschutzbunkern Zuflucht suchen. So auch im Mannheimer Stadtteil Schönau, in dem sich seit dem 26. März schwere Straßenkämpfe ereignen und Luise Weiß als Krankenschwester im vollbesetzten Schönau-Bunker arbeitete.

Unvermittelt stürmen fanatisierte Nationalsozialisten in den Bunker und verlangen dessen vollständige Räumung. Sämtliche Bunkerinsassen, unter denen sich auch zahlreiche Kranke befinden, sollen in den angrenzenden Käfertäler Wald ausweichen. Ein infernales Vorhaben, das angesichts des Vormarsches des US-Militärs durch das Waldgebiet unweigerlich zu weiteren sinnlosen Todesopfern geführt hätte.

Dieses Unrecht willLuise Weiß nicht zulassen, die sich auf einen Stuhl erhebt und entschlossen das Wort ergreift. In ihrem Appell stellt sich Weiß schützend vor die Bunkerinsassen und ermutigt diese, den Zufluchtsort nicht zu verlassen. Letztlich verlassen nicht die Zivilisten den Bunker, sondern die lokalen Nationalsozialisten, nachdem Weiß behauptet, sie gehöre zum Internationalen Roten Kreuz. Weniger Stunden nach dem Vorfall, um 4:00 Uhr in der Nacht, erreichen schließlich die US-amerikanischen Streitkräfte den Luftschutzbunker, wo diese mit weißen Fahnen empfangen werden.

Weitere Aufnahme des Schönau-Bunkers aus den 1940er Jahren. Im Hintergrund ist der Käfertäler Wald zuerkennen, in den die Nazis die Insassen vertreiben wollten. Für den Bau des Bunkers, der im Ernstfall Menschen Zuflucht bot, wurden französische Gefangene zur Zwangsarbeit eingesetzt. Foto: StadtA MA – ISG

Würdigung einer Lebensleistung

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg blieb Luise Weiß ihrem sozialen Wesen treu und engagiert sich im Mannheimer Norden. Unter anderem betreut sie ehrenamtlich Hinterbliebene sowie sozial benachteiligte Bürger. Im Jahr 2003 wird Luise Weiß auch öffentlich für ihr soziales Engagement geehrt: Auf Vorschlag von Herbert Mies, Peter Liebenow und Wilhelm Rapp wird ihr die Bundesverdienstmedaille des Bundespräsident verliehen. Die Auszeichnung übergibt Oberbürgermeister Dr. Peter Kurz an Weiß in einer feierlichen Zeremonie im Trausaal der Bürgerdienste. Dabei betont Kurz insbesondere die wertvolle „Alltagsarbeit über Jahrzehnte“, welche Weiß und formuliert den Wunsch, dass viel mehr stille Heldinnen in unserer Gesellschaft ausgezeichnet werden.

Im Hinblick auf das Lob ihre Leistung bleibt Luise Weiß selbst stets bescheiden. Beispielsweise äußert sie sich hierzu  im Jahr 2003 dem Mannheimer Morgen gegenüber: „Ach was, das war doch nichts. Das war doch selbstverständlich.“ Angst, so Weiß, habe sie nicht gehabt, als sie sich den Nationalsozialisten gegenüberstellte. Allerdings eine sehr große Wut darüber, dass die Nazis die Bürger aus dem Bunker vertreiben wollten.

Ihre Bescheidenheit spricht für sie, doch ihr selbstloser Einsatz war keineswegs selbstverständlich und äußerst lebensgefährlich, wie das Schicksal anderer Mannheimer verdeutlicht. So wurden die Bürger Hermann Adis, Erich Paul und Adolf Doland am 28. März im Heinrich Vetter-Kaufhaus in N7 verhaftet und zum Tode verurteilt, weil am Turm des Gebäudes eine weiße Fahne wehte. Grundlage für dieses Standgerichtsurteil war ein Ende März erlassener Befehl  von Heinrich Himmler zum Verhalten der Zivilbevölkerung im Westen. Himmlers Befehl enthielt dabei unter anderem die Anordnung: „In einem Haus, aus dem eine weiße Fahne erscheint, sind alle männlichen Personen zu erschießen. Es darf bei diesen Maßnahmen keinen Augenblick gezögert werden.“  Noch am selben Tag und  somit „weniger als 24 Stunden vor“  Beginn des Waffenstillstands wurden die drei Verurteilten in den Lauer´schen Gärten vom Polizeioffizier Böse hingerichtet.

Die Hinrichtungsstelle im Quadrat M6. Foto: Sven Kaulbarsch.

Ein sinnloses und grausames Verbrechen das beweist, wie fanatische Nationalsozialisten bis zum bitteren Ende die Befehle des menschenverachtenden NS-Regimes befolgten. Noch heute erinnert eine Gedenktafel in den Lauer´schen Gärten an die drei Opfer der NS-Willkürjustiz.

Gedenktafel in den Lauer´schen Gärten. Nach dem Ende des Weltkrieges sorgten die geringen Strafen der Verantwortlichen für große Empörung bei den Mannheimer Bürgern. Foto: Sven Kaulbarsch

Fazit

Luise Weiß´ furchtloses Einschreiten läßt sich nicht hoch genug  zu würdigen ist. Ihr selbstloses Handeln ist ein Zeichen dafür, dass Menschen selbst in dunkelsten Stunden dazu fähig sind, unsere moralischen Werte aufrecht zu erhalten. Sie vollbrachte eine wahre Heldentat, die vielen Menschen das Leben rettete und ist ein vorbildhaftes Beispiel für Zivilcourage. Gemäß den erwähnten Ausführungen des Oberbürgermeister bleibt für die Zukunft zu hoffen, dass das  Gedenken an Luise Weiß´ und andere stille Held*Innen mehr Präsenz im öffentlichen Raum erhält und deren Vorbildcharakter im kollektiven Gedächtnis der Stadt Mannheim hervorgehoben wird. Schließlich sind es die stillen Held*Innen wie Krankenschwestern, Pfleger oder Ehrenamtliche, die mit ihren täglichen Heldentaten unsere Gesellschaft zusammenhalten.

Quellen:

Stadtarchiv Mannheim
Caroli, Michael/ Peters, Christian: Mannheim 1945 – 1949: Der Anfang nach dem Ende, Mannheim, 1995.
Klaus Hildebrand: Das Dritte Reich, Oldenbourg Wissenschaftsverlag GmbH, München, 2009.
Matthias, Erich/Weber, Hermann/Braun, Günther/Koch, Manfred: Widerstand gegen den Nationalsozialismus in Mannheim, Mannheim, 1984.
Schadt, Jörg: Kriegsende am unteren Neckar. In: Mannheim im Zweiten Weltkrieg, Mannheim, 1993.

 

Kommentare

  1. Kleine Korrekturen: 2003 war Dr. Peter Kurz nicht Oberbürgermeister, sondern Kulturbürgermeister. Das Kaufhaus in N 7 hieß Vetter-Kaufhaus, ohne den Vornamen Heinrich, auch wenn dieser Eigentümer war. Am 29. März wurde Mannheim von den Amerikaner nahezu kampflos besetzt und damit vom lokalen NS-Regime befreit. Damit schwiegen hier die Waffen, auch wenn es keinen „Waffenstillstand“ gab.

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