Vom Bunker im Nachbarsgarten

Von Efeu zugewachsen steht er in beschaulichem Umfeld in Neuostheim zwischen Böcklin- und der Feuerbachstraße, auf dem Kirchengelände von St. Pius: Einer der kleinsten Luftschutzbunker Mannheims.

Zur Geschichte des Bunkers 

Obwohl es schon sehr früh Pläne für den Hochbunker gab, wurde mit dem Bau erst 1944 begonnen. Der Grund lag vor allem darin, dass die meisten Mannheimer Vororte nur eine untergeordnete Rolle im Luftschutz-Führerprogramm einnahmen.

Im Falle des Bunkers in der Böcklinstraße ist diese Position jedoch äußerst verwunderlich, da der Neuostheimer Flughafen auch von der Wehrmacht genutzt wurde und der Vorort durch alliierte Bombardements gefährdet war. Dementsprechend waren die Neuostheimer Bürger besorgt und baten bereits 1943 die Stadtverwaltung und NS-Oberbürgermeister Renninger um die Errichtung eines Bunkers in ihrem Stadtteil.

Die Rückseite des Bunkers grenzt an die Hofeinfahrt und die Garagen eines Wohnhauses. Foto: S. Köhler

Seine Belegungskapazität umfasste 619 Plätze, im Notfall bot er bis zu 800 Menschen Zuflucht. Damit ist der Böcklin-Bunker, neben den Bunkern in der Birnbaumstraße und dem Quadrat E6, einer der kleinsten Luftschutzbunker Mannheims. Die Fertigstellung des ab 1944 erbauten Böcklin-Bunkers verzögerte sich, da er bei einem Luftangriff im Dezember 1944 beschädigt wurde. Dieser Umstand wirkt retrospektiv wie eine Ironie des Schicksals, denn genau dieses Szenario hatten die Einwohner Neuostheims in einem Brief an den NS-Oberbürgermeister vorweggenommen.

Nutzung nach dem Krieg

Der Bunker steht auf dem Gelände der heutigen katholischen St. Pius-Gemeinde, die die beiden Stadtteile Neuostheim und Neuhermsheim umfasst. Sie wurde im Januar 1955 unter Abtrennung von der Muttergemeinde St. Peter (Schwetzingerstadt) gegründet. Bereits 1927 hatte die Gesamtkirchengemeinde einen Bauplatz für eine Kirche in Neuostheim gekauft, zum Bau kam es aber vor dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. Der Bunker auf dem Grundstück hat in den 1950er Jahren die Planungen für einen Kirchenbau auf dem Restgelände erheblich erschwert.

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurde der Bunker vielseitig genutzt. Die vielleicht unkonventionellste Nutzung war seine Vermietung an eine Pilzzuchtgenossenschaft , die von schwerverletzten Kriegsveteranen verwaltet wurde.

Nutzingen nach 1945: Für die Pilzzucht wird Mist in den Bunker gefahren. Foto: MARCHIVUM

Darüber hinaus wurde der Bunker als Verkaufsfläche der Firma Bentzinger genutzt und die bisher gesichteten Akten deuten darauf hin, dass der Bunker zwischenzeitlich einem Unternehmer als Möbellager diente, da in dessen ursprüngliches Lager im Friedrichs-Park-Bunker Wasser eingedrungen war.

Anfang der 1960er verschärfte sich allerdings der Kalte Krieg, bedingt durch die Kubakrise und den Bau der Berliner Mauer erheblich, weshalb der Bunker nun erneut als Zufluchtsstätte der Zivilbevölkerung dienen sollte.

Der Bunker im Kalten Krieg

Wie viele andere Mannheimer Bunker auch, wurde der Neuostheimer Hochbunker in den 1960er Jahren, im Rahmen eines Sofortprogramms, nutzbar gemacht. Für diese Nutzbarmachung, die defacto lediglich eine provisorische Herrichtung war, wurden die ehemaligen Bunkerzellen herausgerissen, da Experten annahmen, so die Druckwellen einer Atombombenexplosion besser kompensieren zu können. In einem zweiten Schritt erfolgte danach die eigentliche Instandsetzung der Luftschutzbauten. Hierbei fand auch der Einbau von Lüftungssysteme oder Filteranlagen statt, wodurch sich die mögliche Aufenthaltsdauer in den Bunkern von wenigen Stunden auf 14 Tage erhöhte.

Diese 14-tägige Verweildauer kann man aus heutiger Sicht durchaus als „luxuriös“ einstufen, da zu Beginn der 1980er Jahre lediglich drei weitere Mannheimer Luftschutzräume (N1, Q6, Hochuferstraße) dieses Kriterium erfüllten. Im Gegenzug reduzierten diese Umbaumaßnahmen im Bunker in der Böcklinstraße jedoch die Belegungskapazität: Sie sank von 619 auf 445 Plätze. Damit eine Einhaltung dieser Gesamtkapazität im Ernstfall gewährleistet wurde, wurde der Bunker mit einer Zählanlage ausgestattet. Durch sie sollten die in das Gebäude strömenden Personen rechnerisch erfasst und deren Anzahl vom zuständigen Bunkerwart kontrolliert werden. Sobald die Belegungskapazität erreicht war, oblag es dem Bunkerwart einen Knopf zu drücken, welcher die Türen des Schutzraums, ohne Rücksicht auf Verluste, hermetisch versiegelt. Ein Senario, dass sich niemand vorstellen möchte und glücklicherweise nie eingetreten ist.

Inbetriebnahme der neuen Technik in den 1960er Jahren. Foto: MARCHIVUM.

Mit dem Ende des Kalten Krieges wurden die Atombunker obsolet. Dennoch wurden die Schutzräume weiterhin regelmäßig gewartet, um sie im Katastrophenfall nutzen zu können. Im Neuostheimer Bunker wurde zum Beispiel jahrelang Diesel eingelagert, um die Notstromaggregate jederzeit nutzen zu können. Aufgrund der veralteten Technik verursachte die Instandhaltung des Bunkers aber sehr hohe Kosten, die in keiner Relation zum erwartbaren Nutzen standen.

Blick in den Bunker heute. Foto: S. Köhler

Zwar beteiligte sich auch der Bund an diesen Kosten, jedoch wurden die staatlichen Zuschüsse kontinuierlich verringert und 2005 vollständig eingestellt. Zudem wird seit 2007, aufgrund eines Beschlusses der Bundesinnenministerkonferenz, der größte Teil der deutschen Bunker entwidmet, also von seiner Zivilschutzfunktion entbunden und für eine Umnutzung freigemacht. Dieses Schicksal ereilte auch den Bunker in der Böcklinstraße.

Quellen:

MARCHIVUM: Bildsammlung, Plansammlung, Akten.

Caroli, Michael, Luftschutzbauten. In: Jörg Schadt/Michael Caroli, Mannheim im Zweiten Weltkrieg, Mannheim 1993

 

Kommentare

  1. Sehr interessanter Beitrag über einen Bunker, den ich als Mannheimer bisher kannte. Wie ist denn die aktuelle Nutzung der Anlage?
    MfG

      • Herzlichen Dank Herr Seibert ich für diese Info. Sicher werde ich mit Freunden /Bekannten darauf zurückkommen.
        MfG F.Lenhardt

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